Schmeckt teurer besser?
Nimmt man die Zahlen, so sind Weintrinker, die ihren Wein im Fachhandel kaufen, eine sehr kleine, äußerst exklusive Schar. Allein der Marktanteil von Aldi und Lidl beim Wein beträgt mehr als 50%. Der des Fachhandels liegt nahe 5%.
Der Durchschnittspreis für eine in Deutschland verkaufte Flasche Wein beträgt 2,05 €. Ein abenteuer-licher Preis. Um ihn annähernd zu erreichen, müssen gegenüber einer Flasche, die 6,- Euro kostet, 10 Flaschen, die jeweils nur 1,60 Euro kosten dürfen, verkauft werden. 1,60 € für eine Flasche Wein, bei der allein für Glas, Etikett und Verschluss bei einfachster Ausstattung wenigstens 1,- € zu veranschlagen sind! Bleiben 60 Cent für das, worum es eigentlich geht, den Inhalt. Wie gesagt: 2,05 € ist nicht etwa der niedrigste, sondern der Durchschnittspreis für eine in Deutschland verkaufte Flasche Wein.
Im Fachhandel angebotener Wein beginnt demgegenüber mit Preisen von 3,50 € bis 4,- € . Groß ist das Angebot in diesem Preisbereich nicht. Den Hauptteil des Umsatzes dürften hier Weine zwischen 8 und 12 Euro ausmachen.
Ist aber ein höherer Preis, so wie er im Fachhandel verlangt wird, durch eine tatsächlich höhere Weinqualität gerechtfertigt? Sind diese Weine wirklich besser?
Zumeist wird behauptet - selbst manche Weinjournalisten versteigen sich hierzu -, Qualitätsunterschie-de seien ausschließlich subjektive Wahrnehmungen, über die eine generalisierte Beurteilung nicht möglich sei. Es käme nur darauf an, heraus zu finden, was einem schmecke. Wein sei genauso gut oder schlecht, wie er für den Einzelnen riecht oder schmeckt.
Daß jeder Konsument das Recht hat, auf diese Art seinen ‚besten’ Wein zu küren, bleibt ihm selbstver-ständlich unbenommen, gehört es doch zu den vielfältigen Entscheidungen eines jeden, wie er sich im Leben einrichtet. Das sagt aber nichts über die Qualität dieser Wahl aus. Positionen, es gäbe keine "besseren" und "schlechteren" Weine, zeugen vom ängstlichen Populismus, nur ja keinem zu nahe treten zu wollen. Dabei entgeht den Verfechtern derartiger als „basisdemokratisch“ missverstandener Positionen völlig, daß sie mit einer solchen Meinung beispielsweise unterstellen, ein Klaviertrio von Ravel habe die gleiche musikalische Qualität, wie das, was die Wildecker Herzbuben auf die Bühne bringen, oder dass Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" ähnliche literarische Qualitäten aufwiese, wie Cees Notebooms "Umweg nach Santiago" .
Eine interessante Untersuchung dieses Zusammenhangs beim Wein wurde kürzlich vom "Technologie-Transfer-Zentrum Bremerhaven" (ttz) vorgestellt. Ausgangspunkt war folgende Problemstellung:
"Supermarktketten und Lebensmitteldiscounter übertrumpfen sich gegenseitig im Preisdumping und loben gleichzeitig die Vielfalt und Qualität ihrer Waren. Der Verbraucher hingegen findet sich in einem Durcheinander von Güte-, Qualitätssiegeln und anderen Labels wieder. Doch…welche Angaben zum Geschmack eines Lebensmittels sind wirklich objektiv und glaubwürdig. Was sagt der Geschmack über die Qualität eines Produktes aus?“
Als Ergebnis einer zweijährigen Untersuchung wurde mit Hilfe eines Testdesigns zur Objektivierung von Geschmack am Beispiel Wein nachgewiesen, daß sich hochpreisige Weine sowohl geschmacklich als auch analytisch positiv von Niedrigpreisweinen unterscheiden.
Im Vorfeld wählten die Wissenschaftler zusammen mit Projektpartnern aus dem Weinfachhandel zwölf Rieslinge verschiedener Anbaugebiete aus. In sechs Weinpärchen wurden die Rieslinge dann sowohl von 'normalen' Konsumenten als auch Experten getestet. Dabei wurden immer ein Riesling aus dem Fachhandel und sein Gegenstück aus dem Discounter einander gegenübergestellt.
Die geübten Weintrinker aus der Expertenrunde waren in der Lage, die wesentlichen Geruchs- und Geschmackseindrücke zu erkennen. Mit Hilfe eines speziellen Verfahrens (der Quantitativen Descriptiven Analyse) konnten diese Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen messbar gemacht werden. Im Ergebnis schnitten die Discounterweine schlechter ab, als die Fachhandelsweine.
Die 'normalen' Konsumenten, die ihre Weinerfahrung aus Supermarkt und Discounter bezogen, stellten bei einer ersten Verkostung keine wesentlichen Geschmacksunterschiede zwischen Fachhandels- und Discounterweinen fest. Nachdem jedoch mit Trainingsübungen die sensorische Erfahrung der Teilnehmer geschult worden war (Z. B. wurden Riechproben von frisch aufgeschnittenem grünen Apfel in entsprechenden Rieslingen „wiedergefunden“), bewerteten alle Konsumenten den Fachhandelswein deutlich besser, als den Wein aus dem Discounter.
Mit Hilfe der diskriminierenden Lebensmittelanalytik, einem Zusammenspiel von Sensorik und Analytik, wurde schließlich herausgefunden, daß Vieles von dem, was geübtere Weintrinker (also auch angeleitete „normale“ Konsumenten) schmecken, auch tatsächlich analytisch als Inhaltsstoff im Wein nachweisbar ist.
Es wurden Proben der 6 Rieslingpaare genommen und im Labor des ttz aufwendig mittels Gaschro-matographie analysiert und ausgewertet. Die wichtigsten Weininhaltsstoffe der Fachhandels- und Discounterweine wurden gegenübergestellt und so objektive Unterschiede in den verschiedenen Wein-paaren nachgewiesen. Ihr „chemischer Fingerabdruck“ ließ klare „diskriminierende“ Muster, also qualitative Unterschiede zwischen Discounter- und Fachhandelsprodukt, erkennen.
Für den Fachhandel sind dies in vielerlei Hinsicht gute Nachrichten.
Wer billigen Wein einfachster Art trinken möchte, soll das tun; es ist sein gutes Recht. Aber daraus folgt noch lange nicht, wir sollten uns einreden lassen, man könne gut und schlecht nicht wirklich unterschei-den und benennen.
Daß die Wissenschaft guten Dingen, die wir lieben, auf die Spur kommt, ist uns willkommen. Und auch ihrem eigenen Geschmacksurteil gegenüber schwankenden Weintrinkern könnten diese Nachrichten die fortwährende Unsicherheit nehmen, unterschiedliche Wahrnehmungsfähigkeiten kämen ‚von Natur’ und ein höherer Weinpreis sei sowieso nicht ‚abzutrinken’. Ganz prima soweit.
Gleichzeitig aber beinhaltet diese Diskussion auch etwas Kleinliches, Unsinnliches, in gewisser Weise Falsches. Denn:
„Dem Leben graut vor der genauen Richtigkeit“, schreibt Thomas Mann im „Zauberberg“.
Und auch der Wein scheint sich in seiner Lebendigkeit und seinem Reichtum, seiner überbordenden, immer wieder neu entstehenden Vielfalt und in seiner Geselligkeit, Kommunikation und Vergnügen stiftenden Fähigkeit, schließlich auch wegen seiner dyonisisch-rauschhaften Aspekte gegen das Positivistische und Messbare „genauer Richtigkeit“ zu sträuben.
Wer ihm - in Maßen - mit einer lebendigen Mischung von Neugier und Gelassenheit gegenüber-tritt, ist bei ihm gut aufgehoben. Er wird immer wieder Neuland betreten, Aufregendes erleben, seine Sinne schärfen und zwangsläufig lernen, an eigenen Vorlieben vorbei Qualitäten zu unterscheiden und Qualität zu erkennen. Und das kann, vielleicht von ein paar Ausnahmen abgese-hen, in unseren Breiten jeder. Er muss es nicht, er kann. Wenn er mag.
Mit allen Guten Wünschen
für das Neue Jahr
und Dank für Ihre Treue,
für Vinum und seine Mitarbeiter
Andreas Schiechel
Vinum Januar/Februar 2007 |