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Schmeckt teurer besser?

 

Die geübten Weintrinker aus der Expertenrunde waren in der Lage, die wesentlichen Geruchs- und Geschmackseindrücke zu erkennen. Mit Hilfe eines speziellen Verfahrens (der Quantitativen Descriptiven Analyse) konnten diese Geschmacks- und Geruchswahrnehmungen messbar gemacht werden. Im Ergebnis schnitten die Discounterweine schlechter ab, als die Fachhandelsweine.

Die 'normalen' Konsumenten, die ihre Weinerfahrung aus Supermarkt und Discounter bezogen, stellten bei einer ersten Verkostung keine wesentlichen Geschmacksunterschiede zwischen Fachhandels- und Discounterweinen fest. Nachdem jedoch mit Trainingsübungen die sensorische Erfahrung der Teilnehmer geschult worden war (Z. B. wurden Riechproben von frisch aufgeschnittenem grünen Apfel in entsprechenden Rieslingen „wiedergefunden“), bewerteten alle Konsumenten den Fachhandelswein deutlich besser, als den Wein aus dem Discounter.

 

Für den Fachhandel sind dies in vielerlei Hinsicht gute Nachrichten.

Wer billigen Wein einfachster Art trinken möchte, soll das tun; es ist sein gutes Recht. Aber daraus folgt noch lange nicht, wir sollten uns einreden lassen, man könne gut und schlecht nicht wirklich unterschei-den und benennen.

Daß die Wissenschaft guten Dingen, die wir lieben, auf die Spur kommt, ist uns willkommen. Und auch ihrem eigenen Geschmacksurteil gegenüber schwankenden Weintrinkern könnten diese Nachrichten die fortwährende Unsicherheit nehmen, unterschiedliche Wahrnehmungsfähigkeiten kämen ‚von Natur’ und ein höherer Weinpreis sei sowieso nicht ‚abzutrinken’. Ganz prima soweit.

 

Gleichzeitig aber beinhaltet diese Diskussion auch etwas Kleinliches, Unsinnliches, in gewisser Weise Falsches. Denn:

„Dem Leben graut vor der genauen Richtigkeit“, schreibt Thomas Mann im „Zauberberg“.

 

Und auch der Wein scheint sich in seiner Lebendigkeit und seinem Reichtum, seiner überbordenden, immer wieder neu entstehenden Vielfalt und in seiner Geselligkeit, Kommunikation und Vergnügen stiftenden Fähigkeit, schließlich auch wegen seiner dyonisisch-rauschhaften Aspekte gegen das Positivistische und Messbare „genauer Richtigkeit“ zu sträuben.

 

Wer ihm - in Maßen - mit einer lebendigen Mischung von Neugier und Gelassenheit gegenüber-tritt, ist bei ihm gut aufgehoben. Er wird immer wieder Neuland betreten, Aufregendes erleben, seine Sinne schärfen und zwangsläufig lernen, an eigenen Vorlieben vorbei Qualitäten zu unterscheiden und Qualität zu erkennen. Und das kann, vielleicht von ein paar Ausnahmen abgese-hen, in unseren Breiten jeder. Er muss es nicht, er kann. Wenn er mag.

 


Mit allen Guten Wünschen

für das Neue Jahr

und Dank für Ihre Treue,

 

für Vinum und seine Mitarbeiter

Andreas Schiechel

 

Vinum Januar/Februar 2007