Januar
2005
DER SÜNDENFALL ?
Oder (post-)modernes:
WIR MACHEN, WAS WIR WOLLEN ?
Zweifellos ist es eine völlig irrige Vorstellung,
Wein sei durch seine mehrere tausend Jahre alte Geschichte hindurch
zu irgend einer Zeit einmal so etwas wie ein reines Naturprodukt
gewesen. Wein, entstanden durch die tätige Arbeit des Menschen,
ist ein Produkt der Kultur, nicht der Natur: Essig ist 'Natur',
Wein dagegen 'Kultur' könnte man verkürzt sagen. In diesem
Sinne hat sich Wein im Verlauf seiner Geschichte permanent verändert.
Er war seit jeher - und ist es durch die moderne Önologie umso
mehr - Einflüssen unterworfen, die sich besonders während
der letzten Jahrzehnte aus der Entwicklung und Anwendung technischer
Möglichkeiten bei seiner Herstellung und einer dazu in enger
Beziehung stehenden "Demokratisierung" des Geschmacks
ergeben haben.
Unbestritten hat sich Vieles davon äußerst
positiv auf die Weinqualität ausgewirkt. Jedoch gehören
zu dieser Entwicklung auch Eingriffe wie Mostkonzentration ("wie
rund und voll der Wein doch ist!"), Geschmacksbeeinflussung
durch Holzchips/Sägemehl ("der verführerische Geschmack
von Vanille, Kaffee und Kakao"), Zuchthefen (problemloser Gärverlauf
mit dem schönen Effekt: "auch Banane und Drops riechen
gut"), ganz abgesehen von Eingriffen wie: 'schlechte' Säure
raus aus dem Wein, 'gute' Säure rein in den Wein, 'schlechtes'
Tannin raus aus dem Wein und 'gutes' rein (nach dem Motto: "von
beidem so wenig wie möglich für 'Anfänger' und so
viel, wie nötig für 'Fortgeschrittene'), oder Hinzufügung
von Sauerstoff in Kleinstmengen zur Gerbstoffoxydation im Zeitraffer
oder Fraktionierung des Weines in seine Bestandteile Wasser, Gerbstoff,
Farbe, Säuren und Aromen und anschließender Neu- bzw.
Anders-Zusammensetzung nach Gusto (also möglichst breiter Konsumenten-Akzeptanz),
wie es nach Berichten in Australien schon vereinzelt praktiziert
wird.
Mit einem nun kürzlich bekannt gewordenen
Vorfall, dass Wein auf die Art von Tütensuppen mit zusätzlichen
Aromen verstärkt wurde, scheint dies alles eine neue Qualität
bekommen zu haben, indem traubenspezifische Aromen künstlich
hergestellt und dem Wein zugesetzt wurden. Der für die Sorte
Sauvignon typische Duft von Johannisbeere, Stachelbeere und Paprika
entstand in diesem Fall nicht aus dem komplexen Zusammenspiel von
Boden, Klima, Rebsorte und Weinbergsarbeit, sondern eben dadurch,
dass im Keller synthetisch hergestelltes Aroma mit diesen Merkmalen
hinzugefügt wurde. Angesichts dieses Vorfalls drängt sich
die Frage auf: "von welchem Ende ist dies der Anfang?"
Wie uninspiriert, ja geradezu uninteressiert,
sich einer der renommiertesten deutschen Weinjournalisten dazu kurz
aber explizit äußert, möchten wir Ihnen auf der
nächsten Seite samt einiger Anmerkungen unsererseits, nicht
vorenthalten.

Stuart Pigott reagiert in seiner Kolumne in der
FAS vom 25. Dezember 04 überraschend müde und distanzlos
angesichts dieserart schon oft insgeheim vermuteter aber selten
bisher öffentlich gewordener Fälle der Geschmacksverstärkung
von Wein. Hoffentlich meint er es nicht so, wie er es hier geschrieben
hat. Sonst droht er nämlich in einer Haltung zu enden, die
der schon 1997 vom australischen Winzer John Thomson vom Weingut
Crawford River verkündeten gleicht: "I would put a dead
possum (Beutelratte) in the wine if it made it better -- but don't
tell anybody." (Wines 1/97). Nun ist erstmalig öffentlich
geworden, dass Wein durch synthetische Geschmackverstärker
aromatisch intensiviert wurde.
Liest man den Text, dann scheint es Pigott ziemlich
egal zu sein, was die beiden Kellermeister des Südafrikanischen
Weingiganten KWV (jährliche Produktion: 25 Millionen Flaschen
!) da eigentlich getan haben, indem sie Methoxypyrazin als künstlich
hergestellten naturidentischen Aromastoff mit dem Duft von Johannisbeeren,
Paprika und Stachelbeeren in Sauvignon Wein gossen und damit die
Konsumenten wie Tanzbären an der Nase herumgeführt haben.
Pigott bedauert allenfalls, dass sie es getan
haben. "Auf eigene Faust", wie er kommentarlos die Firmenleitung
zitiert, also quasi ganz privat selbstverständlich und nur
aus "Bequemlichkeit" hätten sie es getan, und nicht
"ehrlich" sei es und man möchte wie bei Wilhelm Busch
anfügen: diese Schlingel! Das sei "bedauernswert",
aber nur, weil diese Entwicklung die "Leistung der südafrika-nischen
Weinindustrie überschattet" und deshalb jetzt "Geschäfte...auf
dem Spiel" stünden, kommentiert er mit wieder überraschender
Distanzlosigkeit.
Und damit man auch ja nicht anfängt, sich
über solche Praktiken ein bisschen länger zu wundern und
darüber nachzusinnen, was eventuell in dieser Hinsicht bisher
schon zusammengemischt wurde (Methoxypyrazin ist seit circa 10 Jahren
als Aromakomponente von Sauvignon isoliert), oder was für die
Zukunft daraus folgen mag, stuppst er unsere Nasen dann auch gleich
in den seiner Ansicht nach "richtigen Kontext" und konterkariert
diese Panscherei mit dem Schlimmsten: der tödlich wirkenden
Weinpanscherei mit Methylakohol. Hier aber, bei der südafrikanischen
Variante liebe Weintrinker, geht es nicht um so gefährliche
Stoffe, wie Methylalkohol oder auch nur gesundheitsschädigendes
Glykol: "Methoxypyrazin ist gesundheitlich vollkommen unbedenklich",
tönt es beruhigend. Wir raten ihm zwar aus genau diesen Gründen
dringend ab, davon ein Gläschen zu schlotzen, entbieten aber
ein fröhliches: Prost Kunstwein, prost
'lecker'!!
Wir empfehlen das, womit wir uns überwiegend
beschäftigen und was wir für eine unserer Stärken
halten: handwerklich gemachte Weine mit individuellem Geschmacksprofil
aus überschaubaren Produktionszusammenhängen, gemäß
dem Satz:
Wein - ein Fest fürs Leben!
|