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SPARGEL.WEIN
Wein gibt es, das wissen wir. Auch verstehen wir was davon – manchmal mehr, manchmal weniger. Spargel gibt es auch, wir kennen ihn – in nicht so ausgeprägter Vielfalt wie Wein, aber während seiner Saison doch recht ausgiebig. Spargelwein scheint es auch zu geben. Momentan jedenfalls mal wieder, wenn wir Weinprospekten, Displays, Werbeplakaten und Sonderangeboten glauben wollen, die zur Zeit wie das Gemüse selbst hervorsprießen. Supermärkte, Kaufhäuser, Weingeschäfte und auch Discounter bieten sie an: zu Pyramiden gestapelt, ganze Schaufenster damit gefüllt, als edle Einzelflasche vor einem Spargelposter drapiert oder gleich von der Palette aus angeboten, in allen Varianten und überall dort, wo Wein verkauft wird finden wir Spargelwein. Trotzdem, Spargelwein können wir nicht kennen! Wohl vielleicht Heidelbeerwein, Erdbeerwein oder auch Apfelwein, in Frankreich kennt man selbst „Vin de Noix“ und „Vin de Laurier“. Aber Spargelwein? Der müsste ja aus Spargeln gemacht sein. Und das wiederum ist nur eine Fiktion, die sich Friedrich Dürrenmatt für sein 1949 geschriebenes Theaterstück „Romulus der Große“ ausgedacht hat. Dort wird allenthalben und andauernd angeblich aus Spargelwurzeln gewonnener Wein getrunken, Spargelwein eben. Den hat aber außerhalb dieses Theaterstücks noch nie jemand gesehen. Es gibt ihn gar nicht.
Weine zu Spargeln gibt es wohl. Zur Zeit haben sie eine Konjunktur, mit der man gern mitgeht. Denn wann sonst im kulinarischen Jahr gibt es eine Zeit, in der der Weinhandel, auf welcher Schiene auch immer, für knapp drei Monate sein fast gesamtes Weißweinrepertoire als passend für ein so populäres Gericht wie den sogenannt königlichen Spargel seinen Kunden empfehlen kann? Also, ob Stahltank- oder Holzfass-ausgebaut, her mit den Weiß-und Grauburgundern, den Silvanern und Rivanern, den Müller-Thurgaus, den Sauvignons, Chardonnays, Grünen Veltlinern, Muscats sec, meinetwegen auch den Gutedeln, Viogniers, Verdejos und vielleicht auch den Rieslingen – wenn sie nicht zu säuerlich sind! Aus diesen Weinen, die möglicherweise alle gut zu Spargeln passen, aber die auch sonst das ganze Jahr über ohne weitere Notwendigkeit, zusammengesetzte Wörter mit ihnen zu bilden, angeboten und getrunken werden, macht man flugs mal „Spargelweine“. Aber haben Sie schon was von Forellenweinen, Kalbsschnitzelweinen oder Broccoliweinen gehört?
Den sogenannten Spargelweinen macht das nichts, im Gegenteil. Sie verkaufen sich offensichtlich besonders gut, wenn man sie zur Zweisamkeit mit einem als „edel“, „exklusiv“ und „königlich“ dargestellten Gemüse bringt. Dreihundertfünfundvierzigtausend (!) Aufrufe unter: ‘Spargel königlich‘ bietet Google an. Selbst wenn spätestens bis zur aufkommenden Dosenindustrie im 19. Jh. , Spargel Königen und Notabeln vorbehalten war, weil es kaum welchen gab und er nicht großräumig gehandelt werden konnte, so recht einleuchten mag die bis heute gebetsmühlenartig wiederholte Qualifizierung als königlich nicht. Mindestens bürgerliches Gemüse müsste man den Spargel heute nennen. Schließlich werden in Deutschland jährlich 1,1 kg pro Kopf und Jahr davon verspeist, etwas mehr als Spinat, und nur ca. ½ Kilo weniger als Blumen- Grün- Rosenkohl und Broccoli zusammen. Aber man pflegt eben seine liebgewonnenen verkaufsfördernden Bräuche, nennt den Spargel königlich und jeder Wein, dem man unterstellt, zu ihm zu passen, wird es gleich mit.
Wer mit Lust an die Sache ran geht, ist ohne besondere Werbemaßnahmen sowieso dem Reiz der weißen oder grünen Sprossen erlegen. Das beginnt schon beim Anblick des phallischen Bündels, das Genuss versprechend auf dem Teller liegt. Der Mund reagiert wie beim Pawlow‘schen Hund, wird saftig, wie es der Spargel selbst ist, und alles steigert sich, isst man dann die Spargeln aus der Hand. Und nicht zu wenige dürfen es sein, die immer wieder aufs Neue beim Spargelkopf die Sensation von nussiger Süße hervorrufen, um die Stange hinunter, wie man sie langsam zentimeterweise in den Mund schiebt, einer zarten animierenden Bitter-Süße Platz zu machen. Dieser erotisch angehauchten Symbolik des Spargels gaben ja auch schon, wir haben‘s alle im Ohr, die Comedian Harmonists Ausdruck, als sie Veronika, den Lenz und den wachsenden Spargel besangen und ganz unmißverständlich dichteten: „Mädchen lacht, Jüngling spricht: Fräulein wolln sie oder nicht, “
Aber welcher Wein denn nun zu diesem verführerischen Gemüse?
Auch mit Vorschlägen dazu ist das Internet prall gefüllt. Und glaubt man ihm, so passen offensichtlich von ein paar Ausnahmen abgesehen, zum Spargel alle Weine. Dabei fällt auf, dass die Empfehlungen und Begründungen von Sommeliers zu Spargel und Wein besonders gern die aromatische Seite beider Teile beleuchten. Das ist ganz prima und weist auf die intensive Ausbildung mit Geruchsproben und Aromabeispielen dieses beglückenden Modeberufs hin. Leider wird dabei wenig von Weinstruktur gesprochen, also dem Verhältnis (und der Qualität) von Säure, Alkohol und Süße. Dies dürfte jedoch das Leitmotiv bei der Weinauswahl sein.
Wir finden, dass die Frage, welcher Wein zum Spargel passt, von experimentierfreudigen Ausnahmen abgesehen, einfachen Regeln folgen kann. Je satter, 'süßer' die Zubereitung (Sahne, Hollandaise, Käse), desto geschmeidiger, voller und quasi 'süßer' kann der Wein sein. Begleitet von einer Vinaigrette oder zitronigen Sauce, passen Weißweine mit ein wenig mehr Säure gut zu diesem Gemüse, besonders dann, wenn der Wein eher leicht im Alkohol ist und keinen spürbaren Restzucker aufweist. Entsprechende Silvaner, Sauvignons, schlanke, eher rassige Veltliner würden passen. Spargel 'klassisch', also mit Butter oder einer sahnigen Sauce, auch einer Hollandaise, harmoniert bestens mit volleren Weinen, deren Säure gebremst ist, die aber keine Süße aufweisen. Wenn‘s unbedingt ein Riesling sein soll, dann eher eine opulentere, trockene Spätlese mit einiger Fülle, auch ein halbtrockener Kabinett kommt eventuell ins Spiel, auf jeden Fall aber kein Wein, dessen Säure sich mit der würzigen Süße des Spargels und seiner feinen Bitterkeit streitet, sondern diese eher aufnimmt. Hier ergeben sich viele spannende Möglichkeiten:
Ein Viognier zum Beispiel, eine Bordeaux-Cuvée aus reifem aromatischem Sauvignon ohne Grasigkeit mit Fülle gebendem Semillon, oder ein Grauburgunder bzw. Elsässer Pinot Gris passen nicht nur zum 'klassischen' Spargel mit brauner Butter, sie können auch Spargel mit Morcheln oder in Butter gebratene Spargelstifte mit Scampi und gehobelten Karottenstreifen zu einem Erlebnis machen. Auch ein Spargelomelette oder –Soufflé geht zu solchen Weinen sehr gut.
Gedünsteter Spargel mit erstklassigem, nicht zu fruchtigem Olivenöl und ordentlich frischem Koriander, arrangiert sich prächtig auch mit einem Chardonnay mit ausgewogener Säure, der kein Holz gesehen hat. Verschlägt man jedoch das Olivenöl mit ein wenig Limettensaft, beginnen auch nicht zu säurebetonte Rieslinge oder ein saftiger Silvaner wiederum gut zu passen.
Dass selbst diese recht grob gerasterten Empfehlungen je nach begleitender Zutat, also Fleisch oder Fisch z.B., vollständig durcheinander gewirbelt werden können, ist klar, zeigt aber nur die aufregende Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten.
Aber wie auch immer. Was bleibt, ist, solche Gesichtspunkte nicht unbeachtet zu lassen, und dabei die Weine auszuwählen, die zu trinken man Lust hat. Und bleibt man dabei neugierig, umso besser. Wer liest schon immer dasselbe Buch!

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